Gemeinsam auf den Spuren der Geschichte
16. Juni 2026
Am 9.6. trafen in Prag 18 SchülerInnen aus Hamburg mit ihren beiden LehrerInnen auf 9 tschechische SchülerInnen mit ihrer Deutschlehrkraft. Die Tschechen hatten für die deutschen Jugendlichen Sehenswürdigkeiten in Prag herausgesucht, die für sie bedeutend sind und haben sie ihnen vorgestellt. Im Vorfeld hatten die Hamburger schon ein Video über Hamburg zusammengestellt und die Tschechen ein Video mit Grüßen geschickt. Man hatte sich also schon mal digital gesehen.
Nach einem ersten Kennenlernen mit dem Austausch von Namen und Interessen in einer Metrostation, weil es draußen so regnete, wurde die Gruppe zu spannenden Plätzen geführt und bekam einen authentischen Einblick in die Schönheit und Vielfalt der Prager Innenstadt.
Ich hatte den Eindruck, dass die tschechischen SchülerInnen sehr überrascht waren über die multikulturelle Mischung der Hamburger Schülerschaft. Die Frage: „Ist in dieser Klasse überhaupt eine deutsche Person?“, begegnete mir daher in den Tagen nicht nur ein Mal und zeigte mir, dass Begegnung und der Austausch über Identität und nationales Verständnis immer wichtiger wird. Als Lehrerin freue ich mich, wenn ich sehe, dass die Jugendlichen binational in Kontakt kommen, ihren Insta-Account austauschen und auf Deutsch, Englisch oder mit Händen und Füßen versuchen, mehr voneinander zu erfahren. In einem Café in Prag, in dem sich sonst auch die tschechischen Pfadfinder treffen, war das tatsächlich etwas möglich.
Leider hat das Wetter dafür gesorgt, dass wir am ersten Tag irgendwann die Tour abbrechen mussten, weil die meisten Jugendlichen so durchnässt waren, dass sie erstmal eine heiße Dusche brauchten.
Am nächsten Tag fuhren die beiden Gruppen zusammen zu der Bahnstation kurz vor Theresienstadt und gingen den Weg, den im Zweiten Weltkrieg viele jüdische Menschen gezwungener Maßen mit ihrem ganzen hab und Gut in der Hand ins Ghetto Theresienstadt gehen mussten. Unser erster Stop war tatsächlich das Krematorium, in dem die Nazis die Leichen der Gestorbenen verbrannt haben, um möglichst alle Zeugnisse ihres Lebens und grausamen Sterbens zu vernichten. Ein Schüler meinte an diesem Ort nur kurz: „Ich kann das hier nicht. Sich vorzustellen, dass ich hier auf Gräbern stehe und auf dem Überresten von Menschen, das geht zu weit.“
Unser kompetenter Guide Lukáš nahm uns dann in die Gänge der Festung mit, die schon im 18.Jahrhundert gebaut wurden, um sich gegen die Preußen verteidigen zu können. Zu diesem Kampf Österreichs gegen Preußen kam es nie, aber die Festungsanlage wurde als berüchtigtes Gefängnis genutzt und schon damals sind dort tausende Menschen in der Anlage gestorben. Während des Zweiten Weltkrieges hat das NS-Regime diese Anlage dann als Ghetto genutzt, von dem Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden. Als Lukáš uns dann auf einen Dachboden in einem normalen Wohngebäude mitnahm, den er entdeckt hatte, als er selber dort lebte, war das Staunen in unserer Gruppe groß. Auf dem Dachboden befanden sich Malereien und eingeritzte Botschaften der Ghettobewohner, die auch auf diesem Dachboden gelebt hatten. Der krönende Abschluss war das Telefonat mit Inge Auerbacher, die als siebenjähriges Mädchen nach Theresienstadt kam und überlebte. Erst kürzlich hatte sie eine bewegende Ansprache als Überlebende im deutschen Bundestag gehalten. Unser Guide rief sie in New York an und sie sprach 20 Minuten mit uns.
Daniela schreibt über den Besuch in Theresienstadt: „Der Besuch hat mir gezeigt, wie gut wir es heutzutage haben. Ich kann es kaum fassen, dass die Menschen innerhalb weniger Minuten alles verlassen mussten, was ihnen wichtig war und in Eisenbahnwaggons zusammengepfercht in eine ungewisse Zukunft gefahren sind. Als wir mit Inge Auerbacher sprechen konnten, hatte ich Gänsehaut. Sie hat ihre Geschichte erzählt und sich zeitlebens für den Frieden und die Verständigung eingesetzt. An ihrer Stelle hätte ich längst aufgegeben.“
Ein anderer Schüler schreibt auch über die Dankbarkeit, die er neu gelernt hat, weil es ihm so viel besser geht als den Menschen damals. Außerdem möchte er sich auch mehr für den Frieden einsetzen. „Die Geschichte des Dachbodens fand ich sehr interessant und sie hat mich berührt. Sich vorzustellen, dass wir dort stehen, wo Menschen Hunger gelitten und so viel Schreckliches erlebt haben, lässt mich immer noch eine Gänsehaut bekommen“, so eine andere Schülerin in ihrem Bericht.
Wir danken Lukàš Lev für seine spannende Tour durch Theresienstadt und alle Einblicke, die wir durch ihn gewonnen haben, wir danken der tschechischen Klasse vom Dvořákovo gymnázium Kralupy nad Vltavou mit unserer Kollegin Libuse Sakalova für ihre Begleitung und ihre Sicht auf Prag und nicht zuletzt danken wir ganz herzlich dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds für die großartige Unterstützung der Begegnungsreise.
